Sicherheit nach einem Übergriff oder Drohungen: Ein Schritt-für-Schritt-Plan und wichtige Ansprechpartner in Berlin
- 13. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Wenn Sie einen Angriff, Belästigung, Stalking oder Drohungen erlebt haben, zählt vor allem, schnell wieder Kontrolle zu gewinnen: in Sicherheit kommen, medizinische Hilfe erhalten, Beweise korrekt dokumentieren und Unterstützung aktivieren. Dieser Guide bietet einen klaren Plan für die ersten Minuten, die nächsten 72 Stunden und die folgenden Wochen – inklusive zentraler Anlaufstellen in Berlin.
Wenn Sie in unmittelbarer Gefahr sind: Rufen Sie 110 (Polizei) oder 112 (Rettungsdienst/Feuerwehr).
Wenn Sie dringend ärztliche Hilfe brauchen, aber es nicht lebensbedrohlich ist: Rufen Sie 116117 (Ärztlicher Bereitschaftsdienst).
Schritt 1: Was tun in den ersten 30 Minuten
Gehen Sie sofort an einen sicheren Ort
Wechseln Sie in eine gut beleuchtete, belebte Umgebung (Apotheke, Geschäft, Café, Hotel-Lobby). Bitten Sie Personal aktiv, die Polizei oder ein Taxi zu rufen.
Wählen Sie die richtige Nummer
110: Drohungen, Angriff, Stalking, Verfolgung, akute Gefahr
112: schwere Verletzungen, starke Blutung, Atemnot, Bewusstlosigkeit
116117: dringende medizinische Abklärung außerhalb regulärer Praxiszeiten (nicht lebensbedrohlich)
Kontaktieren Sie eine Vertrauensperson
Teilen Sie Ihren Standort mit und ob Sie Abholung oder Begleitung brauchen.
Keine Diskussion mit der angreifenden Person
Ihr Ziel ist Sicherheit – nicht die Klärung vor Ort.
Schritt 2: Medizinische Hilfe und Dokumentation von Verletzungen in Berlin
Auch wenn Verletzungen „klein“ wirken: eine medizinische Abklärung ist wichtig – für Ihre Gesundheit und für mögliche spätere Schritte.
Wege zu medizinischer Hilfe
112 bei akuten Notfällen
116117 bei dringendem Bedarf ohne Lebensgefahr
Forensische Dokumentation ohne sofortige Anzeige (wichtig)
In Berlin gibt es Möglichkeiten, Verletzungen so dokumentieren zu lassen, dass dies später rechtlich hilfreich sein kann – auch wenn Sie (noch) keine Anzeige erstatten möchten. Wenn Sie diesen Weg wählen, handeln Sie möglichst zeitnah und vermeiden Sie Veränderungen, die Spuren überdecken (z. B. starke Filter/Retusche bei Fotos, schwere Camouflage über Hämatomen, wenn noch dokumentiert werden soll).
Schritt 3: Beweise sichern und digitale Sicherheit erhöhen
Kurzprotokoll erstellen (sobald es geht)
Datum/Uhrzeit/Ort und Wegstrecke
Beschreibung der Person(en): Kleidung, Größe, besondere Merkmale
Zeugen (Namen/Kontakte, wenn möglich)
Wortlaut von Drohungen so genau wie möglich
Digitale Beweise korrekt sichern
Screenshots mit Datum/Uhrzeit, Username und Kontext (Plattform/Thread)
vollständige Chatverläufe sichern (nicht nur Einzelnachrichten)
Links/URLs zu Profilen, Posts, Kommentaren speichern
Originale unverändert ablegen: nicht nachträglich „optimieren“, stark zuschneiden oder filtern
Sofortmaßnahmen für Ihre Accounts
Passwörter ändern (einzigartig) und 2FA aktivieren
aktive Sitzungen/Geräte prüfen; unbekannte Geräte abmelden
Standortdaten minimieren: Geotags aus, keine Echtzeit-Standortposts
Schritt 4: Anzeige, Polizei und Schutzmaßnahmen
Anzeige-Optionen
In Berlin können Sie Anzeigen persönlich erstatten – und je nach Fall auch Informationen online einreichen. Bei akuter Gefahr gilt: immer 110.
Schutz bei Wiederholungsgefahr
Wenn es wiederholtes Stalking, anhaltende Bedrohung oder konkrete Gefährdung gibt, ist ein strukturierter Sicherheitsplan sinnvoll. Beratungsstellen können helfen, das Risiko einzuschätzen und passende Maßnahmen (praktisch, psychosozial, ggf. rechtlich) zu wählen.
Schritt 5: Wo Sie in Berlin Unterstützung bekommen
Je nach Situation sind unterschiedliche Stellen passend. Diese Übersicht dient als Startpunkt:
Allgemeine Opferhilfe
WEISSER RING – 116 006
LGBTQIA+ / queersensible Unterstützung
LesMigraS (Gewalt- und Diskriminierungsberatung)
MANEO (Opferhilfe, besonders auch für Männer und queere Communities)
Häusliche Gewalt / Partnerschaftsgewalt
BIG Hotline (Berlin)
Bundesweite Hilfetelefone: 116 016 (Gewalt gegen Frauen), 0800 1239900 (Gewalt an Männern)
Psychische Krise (Berlin)
Berliner Krisendienst (24/7; regionale Telefonnummern)
Diskriminierung durch öffentliche Stellen (Berlin/Deutschland)
LADG-Ombudsstelle Berlin
Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Wenn Ihr Fall mit Aufenthaltsstatus oder Asyl zusammenhängt, siehe Asylum.
72-Stunden-Plan und 30-Tage-Plan
In den nächsten 72 Stunden
medizinische Abklärung und ggf. Dokumentation von Verletzungen
Beweise sichern (digital + schriftliches Protokoll)
Wiederholungsrisiko prüfen: kennt die Person Ihre Adresse/Arbeitsstelle/Route?
Kontakt zu einer Unterstützungsstelle aufnehmen (praktische Orientierung + Stabilisierung)
In den nächsten 30 Tagen
rechtliche Optionen prüfen (Anzeige, Schutz, Beratung)
psychologische Unterstützung organisieren (Traumareaktionen sind häufig)
Sicherheitsplan für den Alltag: Wege, Check-ins, Begleitung, Privacy-Settings
Checkliste (speichern)
Sofort
Ich bin an einem sicheren Ort
110/112 angerufen, wenn nötig
Eine Vertrauensperson ist informiert
Gesundheit & Beweise
Medizinische Hilfe organisiert (112/116117/Arzt)
Fotos von Verletzungen gemacht (ohne Filter, mehrere Winkel)
Screenshots/Links/komplette Chats gesichert
Kurzprotokoll erstellt (Zeit/Ort/Zeugen/Beschreibung)
Nächste Schritte
Unterstützungsstelle kontaktiert
Passwörter geändert + 2FA aktiviert
Follow-up geplant (medizinisch/psychologisch/rechtlich)
FAQ
Muss ich sofort Anzeige erstatten?
Nein. Priorität sind Sicherheit und saubere Dokumentation. Viele Menschen entscheiden erst später, ob sie Anzeige erstatten.
Was, wenn die Drohungen „nur online“ sind?
Online-Drohungen sind relevant. Sichern Sie Beweise vollständig (Screenshots, Links, kompletter Chatverlauf) und erhöhen Sie die Kontosicherheit (2FA, Passwortwechsel, Privatsphäre-Check).
Was, wenn ich gerade in Panik oder Schock bin?
Kontaktieren Sie einen Krisendienst (z. B. Berliner Krisendienst) oder bitten Sie eine Vertrauensperson, bei Ihnen zu bleiben. Wenn Sie nicht mehr zurechtkommen oder sich in Gefahr fühlen, rufen Sie 112.
Ich habe Angst, dass mir niemand glaubt. Lohnt sich Dokumentation trotzdem?
Ja. Medizinische und zeitnahe Dokumentation kann später sehr wichtig sein – auch wenn Sie zunächst nichts unternehmen.
Dieser Guide dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder rechtliche Beratung. In Notfällen rufen Sie 110/112. Kontaktdaten und Zeiten können sich ändern; prüfen Sie bei Bedarf die offiziellen Angaben.
Wie wir helfen können
Wenn Sie in Berlin sind, können wir Sie nach Drohungen oder einem Angriff unterstützen durch:
einen praktischen Sicherheitsplan (offline + online)
Orientierung zu passenden Hilfsstellen (medizinisch, psychosozial, rechtlich)
Vermittlung zu LGBTQIA+-sensibler Unterstützung und – wo möglich – Begleitung
bei Bedarf Orientierung zu Asylum
Kontakt: Contact
Unsere Arbeit unterstützen: Donate
Mitmachen: Join



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